Migration braucht Integration - und genau daran hapert es

ON7 Redaktion
4 Min. Lesezeit
19.03.2026
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Deutschland diskutiert seit Jahren über Migration. Über Fachkräftezuwanderung, über Asylpolitik, über Grenzkontrollen und Visa-Regeln. Doch eine zentrale Frage bleibt in der politischen Debatte erstaunlich unterbelichtet: Wie erleben Menschen mit Migrationsgeschichte eigentlich den Alltag in Deutschland?

Eine neue Sonderauswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), veröffentlicht im März 2026, liefert erstmals eine umfassende empirische Grundlage dafür. Die Untersuchung basiert auf einer repräsentativen Befragung von rund 30.000 Menschen in Deutschland und erhebt systematisch subjektive Diskriminierungserfahrungen über verschiedene Lebensbereiche hinweg.

Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Diskriminierung betrifft nicht alle Gruppen gleichermaßen. Besonders häufig berichten Menschen mit Zuwanderungsgeschichte von entsprechenden Erfahrungen. Auch Frauen sowie Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sind überdurchschnittlich betroffen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass rassistische Zuschreibungen eine zentrale Rolle spielen und sich durch verschiedene gesellschaftliche Bereiche ziehen.

Insgesamt berichten 13,1 Prozent der Bevölkerung, innerhalb von zwölf Monaten Diskriminierung erlebt zu haben. Das entspricht etwa jeder achten Person in Deutschland - und macht deutlich, dass Diskriminierung kein Randphänomen ist.

Diskriminierung ist Teil des Alltags vieler Menschen

Die Studie untersucht Diskriminierung erstmals systematisch über verschiedene Lebensbereiche hinweg. Befragt wurde, ob Menschen innerhalb eines Jahres Diskriminierung erfahren haben - zum Beispiel am Arbeitsplatz, bei Behörden, auf dem Wohnungsmarkt oder im öffentlichen Raum.

Dabei zeigt sich, dass Diskriminierung besonders häufig in alltäglichen Situationen auftritt. Viele Betroffene berichten von entsprechenden Erfahrungen etwa auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Insgesamt 41,5 Prozent der Betroffenen nennen den öffentlichen Raum als Ort diskriminierender Erfahrungen. 39,2 Prozent der Betroffenen berichten von Diskriminierung am Arbeitsplatz oder bei der Jobsuche. Auch der Zugang zu Dienstleistungen sowie Kontakte mit staatlichen Institutionen spielen eine Rolle: Rund 19,5 Prozent der Betroffenen nennen Behörden als Ort entsprechender Erfahrungen. Diese Verteilung zeigt, dass Diskriminierung nicht nur in einzelnen Situationen auftritt. Sie betrifft Bereiche, mit denen Menschen im Alltag regelmäßig in Kontakt kommen - vom Arbeitsmarkt bis zum öffentlichen Raum.

Herkunft ist der häufigste Diskriminierungsgrund

Die Studie zeigt außerdem, welche Merkmale besonders häufig als Ursache von Diskriminierung genannt werden. Mit Abstand am häufigsten berichten Betroffene von Benachteiligungen aufgrund ihrer Herkunft oder rassistischer Zuschreibungen. Insgesamt 41,9 Prozent der Betroffenen nennen ethnische Herkunft oder rassistische Gründe als zentralen Auslöser ihrer Diskriminierungserfahrung. Damit liegt dieses Merkmal deutlich vor anderen Faktoren wie Geschlecht, Alter oder Religion.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass rassistische Zuschreibungen in Deutschland weiterhin eine bedeutende Rolle spielen. Sie wirken sich nicht nur in sozialen Situationen aus, sondern auch in institutionellen Kontexten - etwa bei Behörden, im Arbeitsleben oder beim Zugang zu Dienstleistungen. Für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte entstehen dadurch häufig zusätzliche Hürden im Alltag.

Diskriminierung beeinflusst Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe

Die Studie zeigt außerdem, dass Diskriminierung mit messbaren Unterschieden im Wohlbefinden der Betroffenen verbunden ist. Menschen, die entsprechende Erfahrungen machen, berichten häufiger von gesundheitlichen Belastungen, geringerem emotionalem Wohlbefinden und niedrigerer Lebenszufriedenheit.

Zugleich zeigt sich ein Zusammenhang mit gesellschaftlichem Vertrauen. Wer Diskriminierung erlebt, fühlt sich oft weniger stark mit der Gesellschaft verbunden und hat geringeres Vertrauen in institutionelle Strukturen. Diese Befunde sind besonders relevant im Kontext von Integration. Diskriminierung wirkt nicht nur in einzelnen Situationen, sondern kann langfristig beeinflussen, wie Menschen ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft wahrnehmen.

Diskriminierung bleibt häufig ohne Konsequenzen

Ein weiterer wichtiger Befund betrifft den Umgang mit Diskriminierungserfahrungen. Viele Betroffene unternehmen nichts gegen die erlebte Benachteiligung. Statt offizielle Beschwerdewege zu nutzen, versuchen sie häufig, die Situation selbst zu verarbeiten oder sprechen lediglich im privaten Umfeld darüber.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Diskriminierung ist häufig schwer nachweisbar, insbesondere wenn sie subtil oder indirekt erfolgt. Gleichzeitig wissen viele Betroffene nicht, an welche Stellen sie sich wenden können oder zweifeln daran, dass eine Beschwerde tatsächlich Konsequenzen hätte. Dadurch bleibt ein großer Teil der Diskriminierungserfahrungen statistisch unsichtbar. Die Studie weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass die tatsächliche Verbreitung von Diskriminierung möglicherweise höher liegt als die gemessenen Werte.

Ein neuer Blick auf Migration und Integration

Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf die migrationspolitische Debatte in Deutschland. Politische Diskussionen konzentrieren sich häufig auf Fragen der Zuwanderungssteuerung - etwa darüber, wie Migration reguliert oder gesteuert werden kann. Weniger Aufmerksamkeit erhält dagegen die Frage, wie Integration im Alltag tatsächlich funktioniert. Die Studie zeigt jedoch, dass Erfahrungen von Diskriminierung eine zentrale Rolle für gesellschaftliche Teilhabe spielen können. Integration ist nicht nur eine Frage von Sprachkenntnissen, Aufenthaltsstatus oder Arbeitsmarktintegration. Sie hängt auch davon ab, ob Menschen im Alltag gleiche Chancen haben und sich als Teil der Gesellschaft wahrnehmen.

Migration endet nicht an der Grenze

Migration wird in Deutschland häufig als Frage der Einreise diskutiert. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt danach. Die neue SOEP-Auswertung zeigt, dass Diskriminierung für viele Menschen - insbesondere für Personen mit Zuwanderungsgeschichte - ein realer Bestandteil ihres Alltags ist. Diese Erfahrungen betreffen zentrale Lebensbereiche wie Arbeit, Behördenkontakte oder den öffentlichen Raum. Wer über Migration spricht, sollte deshalb auch über Integration sprechen. Denn Integration bedeutet nicht nur Zugang zum Arbeitsmarkt oder zu Bildung - sondern vor allem gleiche Behandlung im Alltag. Die Studie macht deutlich, dass Deutschland in diesem Bereich noch vor erheblichen Herausforderungen steht.

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